Die wilde Mathilde

Eine Kurzgeschichte von Heidi Hensges

Mit einem lauten „Autsch!“ zog Anke ihre Hand aus den Brennnesseln. „Ey, was glotzt du so? Willste aufs Maul?“, rief sie Mathilde zu, die auf der anderen Straßenseite über den Zaun guckte.

„Blöde Kuh“, grummelte Anke weiter, während sie den juckenden Arm in die Regentonne steckte. Was nichts half, denn seit 14 Tagen hatte ja nur die Sonne geschienen. Mathilde machte ihrer Erheiterung darüber mit einem aus tiefster Brust dröhnenden Gebrüll Luft. Wütend über ihre eigene Blödheit schleuderte Anke der Nachbarin ein trotziges „Schnauze!“ entgegen und stapfte ins Haus. Der Arm war inzwischen zu einer einzigen, überdimensionalen Quaddel mutiert.

„Scheißlandleben!“ Treffender hätte sie ihre Stimmung kaum ausdrücken können. Juckreizstillende Salbe und Eiswürfel waren nicht auffindbar, dafür aber eine tote Maus. „Alles blöd hier!“

Der Mist war umso ärgerlicher, weil sie Brennnesseln doch kannte. Das war aber auch neben Klee, Löwenzahn und Gänseblümchen schon so ziemlich alles, was sie an Gartengrünzeugwissen vorzuweisen hatte. Und Hanf. Hanf kannte Anke aus Berlin, von wo aus sie vor einem Jahr in dieses „armselige Scheißkuhdorf“ gezogen war.

„Ich zieh‘ nach Horst!*“, hatte sie damals Freundin Sandra auf der Terrasse der „Dicken Wirtin“ eröffnet.

„Wer bitte ist jetzt Horst? Und wieso sprichst du so assig, es heißt immer noch zu Horst und nicht nach Horst.“

Nach Horst! Ins Haus von Tante Ilse, die ist doch neulich nach Australien ausgewandert. Hörst du mir überhaupt mal zu, wenn ich dir was erzähle?“, maulte Anke und kramte ihr Portemonnaie aus dem Jutebeutel.

„Ach, nach Holland? Zum legalen Kiffen, wa? Oder was macht man da sonst noch so?“ Sandra zog an ihrer E-Zigarette und paffte gelangweilt Wölkchen in die Berliner Luft.

„Weißte was? Nächste Woche bin ich weg, und das ist auch gut so. Du zahlst, habe ich gerade beschlossen.“ Anke war schneller um die nächste Ecke verschwunden, als ihr Sandra durch den Vanilledampf hinterhergucken konnte.

 

Irgendwas mit Hühnern, Schafen, Wolle oder Gemüse sollte es werden in Horst. So Öko-Bio-Kram halt. Hochmotiviert, aber ahnungslos, schloss Anke acht Tage später die knarzende Holztür auf, ging ohne Umwege direkt in den Garten und sah Joe. Ein rasenmähender Mann wie für sie geschnitzt. Jung, blond, blauäugig, muskulös, knackig, freier Oberkörper, und als er sich umdrehte, spritzten kleine Männerschweißtröpfchen herum. Wie so ein Kandidat aus der US-Version von „Bauer sucht Frau“. Eigentlich hieß er ja Jochen, aber so nannte ihn kein Schwein. Joe passte viel besser. Joe klang nach Abenteuer, Lagerfeuer, Sex unter freiem Himmel und Reiten ohne Sattel. Um es kurz zu machen: Anke und Joe bewegten sich beschwingt und wie in Zeitlupe aufeinander zu, küssten sich, liebten sich im Heu, wollten einen Öko-Bio-Hof gründen, viele kleine glückliche Landkinder zeugen und schworen sich ewige Treue ohne Trauschein.

Bis Mathilde kam. Quasi über Nacht zog sie bei Joe ein. Mathilde hatte pervers üppige Rundungen, unnatürlich lange Wimpern und kam von irgendwo aus Ostdeutschland. Joe faselte was von platonischer Liebe und Seelenverwandtschaft auf den ersten Blick, dass Mathilde eh lieber draußen schlief und absolut rein gar nichts an seiner „never ending Love“ zu Anke ändern würde.

Anke sah das anders. Sie wusste Bescheid. Sie wusste, wie Männer ticken. Der Kumpel eines Kumpels ihres Ex aus Berlin war schließlich Pornofilmproduzent, und was der alles so drehte und verkaufte, dagegen war Joes Beziehung zu Mathilde nur ein trockener Furz. Täglich musste sie nun durch ein winziges Loch in der Holzwand ihres Geräteschuppens mit ansehen, wie Joe Mathildes Beine streichelte, ihre Hüften massierte und ihre überdimensionalen Nippel befummelte, an die Anke am liebsten bei nächster Gelegenheit ein paar Glöckchen oder Hupen getackert hätte.

Aber das, was an einem heißen Nachmittag im Juli passierte, schlug dem Fass nun endgültig den Boden aus. Gemeinsam mit einem rotgesichtigen, schwitzenden und schwer atmenden, dicken Mann verschwand Joe mit Mathilde hinterm Haus. Es dauerte fast eine ganze Stunde, während der nichts außer animalischem Gestöhne zu hören war, bis die Männer wieder auftauchten. Beiden hingen die Karohemden aus der Hose und klebten die Haare im Gesicht. Am nächsten Tag stellte Anke Joe zur Rede. Angeblich sei das ein weltbekannter Spezialist aus Holland gewesen, Mathilde hätte irgendwas furchtbar Kompliziertes an den Zähnen und sich hartnäckig geweigert, eine Praxis zu betreten. Pah! Was auch immer die da hinten tatsächlich getrieben hatten: Anke hatte die Nase voll. Gestrichen. Mit einer Drecksschlampe wie Mathilde wollte sie keinen noch so göttergleichen Mann des Universums teilen. Die never ending Love konnte ihr komplett gestohlen bleiben. So schnell wie möglich wollte sie wieder zurück nach Berlin. Aber vorher hatte sie noch eine Rechnung offen. Mit Mathilde.

Joe war nicht zu Hause. Die Gelegenheit war perfekt, Anke marschierte rüber.

„Ey, Mathilde, kiek mal, was ick hier habe!“ Sie zog etwas aus der Jackentasche, packte es aus und hielt es hoch. „Eene Stulle mit Kalbsleberwurst! Genau so und nicht anders werden deine Kinder ooch mal enden!“ Genussvoll nahm sie einen großen Bissen.

Mathilde schnaubte, nahm Anlauf und gab Gas. Damit hatte Anke nun nicht gerechnet. Panisch und mit vollem Mund rannte sie rückwärts los, stolperte über einen Maulwurfshügel und schlug der Länge nach hin. Kurz bevor Mathilde ihren Angriff in letzter Sekunde stoppen konnte, hörte sie Anke erst husten, dann röcheln und dann gar nicht mehr.

Mathilde muhte zufrieden, drehte sich um und graste weiter.


 

 * Horst im genannten Sinne: zum Wikipedia Artikel

(c) 2015 @ Heidi Hensges

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Edith im Glück. Eine Mittsommernachtsgeschichte.

Eine Kurzgeschichte von Heidi Hensges

Es war am 1. Juli 1993 um 9 Uhr morgens, als ein rätselhafter weiblicher Gast in der Lobby einer der besten Seniorenresidenzen Hamburgs eintraf. Die zierliche alte Dame war tadellos bekleidet mit einem leichten Leinenkostüm und einem flotten Hütchen, unter dem einige kurze blonde Locken keck hervorlugten. Ihre feinen, klaren Gesichtszüge, der wertvolle Schmuck, den sie trug, das sorgfältige, dezente Make-Up und ihre gepflegten Hände ließen die Hausleiterin Frau von Solms darauf schließen, dass es sich um eine recht wohlhabende Dame handelte. Ihr Name war Edith Gustafsson, so stand es im Personalausweis, geboren am 12. Februar 1920 in Stockholm.

Auf Ediths Frage nach einer bezugsfertigen, hübschen kleinen Wohnung mit Blick ins Grüne antwortete Frau von Solms mit „Ja“ und nannte ihr einen exorbitanten Mietpreis von 2500 Mark im Monat für 50 Quadratmeter. Ob sie die Wohnung sofort besichtigen könne, wollte Edith wissen, deren Gepäck lediglich aus zwei abgenutzten Lederkoffern bestand, die so gar nicht zu ihrem vornehmen Erscheinungsbild passten. Die Hausleiterin nickte kurz, geleitete sie in die Nummer 4, und beim Anblick der äußerst stilvollen Möblierung und der hübsch bepflanzten kleinen Terrasse verharrte Edith einige Minuten am Fenster, öffnete ihre Handtasche, zog ein großes Kuvert heraus, drückte es Frau von Solms in die Hand und erklärte somit die Miete für ein Jahr im Voraus als bezahlt.

Voller Erstaunen öffnete Frau von Solms den Umschlag und zählte 25 Scheine à 1000 D-Mark. Wieder nickte sie kurz, bevor sie Edith ohne weitere Fragen oder Forderungen den Mietvertrag unterschreiben ließ und ihr den Schlüssel überreichte. Auf die Frage, ob Edith außer den Koffern noch etwas brauche und ob sie Verwandte oder Vertraute habe, die es im Falle einer Erkrankung zu benachrichtigen gäbe, schüttelte diese nur den Kopf. Schnell begab sich die Hausleiterin in die Buchhaltung zu ihrem Ehemann, der die Echtheit der Scheine bestätigte und die 25.000 Mark sicher im Tresor verschloss.

Edith Gustafsson wurde in den Tagen, Wochen und Monaten darauf selten außerhalb des Speisesaals gesehen. Meistens saß sie in ihrem Schaukelstuhl und las oder saß am Schreibtisch und schrieb. Manchmal traf man sie in der Bibliothek an, manchmal beobachtete man sie auf der Terrasse, wo sie den intensiven Duft des blühenden Lavendels einsog. An Gesprächen beteiligte sich Edith nie, hörte aber geduldig zu. Sie war und blieb eine geheimnisvolle, stille Person. Alle Versuche der Hausleitung, mehr Licht in Ediths Identität zu bringen, endeten im Nebel.

Am 10. Juni 1994, fast genau ein Jahr nach Ediths Einzug, fühlte sie sich nicht wohl. Schwere Kopfschmerzen plagten sie seit dem Aufstehen, und als diese bis in den Nachmittag hinein nicht nachließen und Ediths Umgebung immer mehr vor ihren Augen verschwamm, betätigte sie zum ersten Mal das Haustelefon, um in der Lobby anzurufen. Dass Frau Gustafsson nach einem Arzt fragte, beunruhigte zunächst niemanden. Doch als dieser dem Personal nach der Untersuchung bekanntgab, dass Edith ihr Essen vorerst nur noch in ihrer Wohnung einnehmen könne und die Krankenschwester von nun an mehrmals am Tag nach ihr sehen müsse, war Frau von Solms besorgt um die zahlungskräftige Mieterin, hatten sie und ihr Ehemann doch gehofft, mindestens noch ein weiteres Jahr von ihrem Ersparten profitieren zu können.

Zehn Tage lang konnte Edith das Bett nicht aus eigener Kraft verlassen. Sie aß fast nichts, nur Suppe und eingeweichtes Brot, las nichts und trank nur, weil die Schwester ihr die Flüssigkeit mühsam einflößte. Ihr einst rosiger Teint wurde grau und grau und noch mehr grau, ihr Körper löste sich mehr und mehr auf, bis Edith völlig verschwand zwischen Kissen, Decke und Laken, noch atmend, noch sehend, noch hörend, aber unfähig zu stehen und zu gehen. Frau Gustafssons Leben ging zu Ende, dessen war man sich nun sicher.

Die Wendung kam am 20. Juni. Niemand hatte mehr damit gerechnet, dass Edith am Morgen vollständig bekleidet aus ihrer Wohnung trat und, als wäre nichts Besonderes geschehen, pünktlich um 8 Uhr ihren Platz im Speisesaal einnahm und um Tee und Toast bat. Unverzüglich rief man den Arzt, konnte man doch nicht glauben, was man dort sah. Aber Ediths Vitalität war vollständig zurückgekehrt, unvorhersehbar, unvorstellbar, über Nacht. Der Arzt suchte nach einer medizinischen Erklärung, irgendetwas, das mit wissenschaftlichem Verstand in Worte zu fassen war, übrig blieb nichts als Staunen, Freude und Erleichterung, vermischt mit einem Rest von Zweifeln, ob Ediths Zustand ein stabiler bleiben würde.

In den kommenden drei Tagen aß und trank die Genesene gut und regelmäßig, niemand hörte sie über Beschwerden klagen, die Kontrolluntersuchungen am Morgen und am Abend ergaben ausnahmslos Gutes. Ein kleines Wunder war geschehen, und Edith zu Ehren ließ Frau von Solms am frühen Abend des 24. Junis ein kleines Mittsommernachts-Buffet anrichten.

Edith trug ein leichtes, weißes Baumwollkleid an diesem Abend und Margeriten im Haar, sie aß Hering und neue Kartoffeln mit großem Appetit, bevor sie sich verabschiedete, um das Haus für einen Spaziergang zu verlassen.

Die Passanten im Stadtviertel waren ein wenig befremdet durch den Anblick der kleinen, alten Dame, die von Wiese zu Wiese ging und Blumen pflückte. 7 Blumen von 7 Wiesen, so war es Tradition bei den jungen, unverheirateten Schwedinnen, ein winziger Strauß nur, dennoch von großer Bedeutung. Edith summte ein Lied von kleinen Fröschen, immer und immer wieder, und nach Einbruch der Dämmerung tanzte sie mit Trollen und Elfen, die nur sie sah und niemand sonst. Erst kurz vor 23 Uhr kehrte sie zurück, wusch sich, zog ihr allerschönstes Kleid an, legte die Wiesenblumen unters Kopfkissen und schlief sogleich tief und fest ein.

Jonas, der Fischer, hilft ihr auf den Kutter. Überall hat er rote Rosen verteilt, um den üblen Geruch zu überdecken. Nun steht er vor ihr, in seinem besten Anzug, küsst sie, ergreift ihre Hand und lächelt sie an.
„Möchtest du meine Frau werden, Edith?“
„Ja. Ja, Jonas, ich möchte sehr gerne deine Frau werden.“
„Wirst du auch bis zum Frühjahr auf mich warten, wenn ich aus dem Skagerrak zurück bin?“
„Ich würde mein ganzes Leben lang auf dich warten, mein Herz.“

Ediths Platz im Speisesaal blieb leer am nächsten Morgen. Noch nie hatte sie so glücklich ausgesehen wie in dem Moment, als man sie fand, leblos, in ihrem Bett, in ihrem Kleid, mit dem schmalen goldenen Verlobungsring an der feinen Kette um den faltigen Hals. In den Händen hielt sie ein vergilbtes Foto von einem jungen Fischer und eine alte, zerknitterte Todesanzeige. Jonas Lundström, verstorben am 6. November 1940 im Skagerrak.

Der Duft von Rosen erfüllte den ganzen Raum.

 

(c) 2015 @ Heidi Hensges

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Maulwurfsfrauen graben besser

Eine Kurzgeschichte von Heidi Hensges

Mit Karneval hatte ich 40 Jahre lang nichts am Hut. Meine alte Heimat ist Niedersachsen, das erklärt diese Tatsache, an der sich durch den Umzug an den Niederrhein übrigens auch nichts geändert hat. So kommt es, dass ich auch am Rosenmontag dieses Jahres völlig unjeck im Büro sitze. Nichtsdestotrotz verursacht die musikalische Beschallung von draußen eine gewisse Arbeitsunlust, die sich durch das hartnäckige Klopfen der Frühlingssonne am Fenster noch verstärkt.

„Na gut“, denke ich, „ein bisschen in den Garten gehen wäre ganz nett.“ Nun ist es so, dass dieser Garten eigentlich gar keiner ist. Im Grunde handelt es sich um eine völlig verunkrautete Grünfläche mit einer völlig verunkrauteten Rabatte und einem völlig verunkrauteten Beet, das ich schon lange nicht mehr Beet, sondern Acker nenne. Aber immerhin habe ich die Lizenz zum Unkrautzüchten in Form zweier Landschildkröten. Und als große Tierfreundin lege ich selbstverständlich Wert auf eine möglichst artgerechte Haltung und Fütterung. Deshalb heißt mein Unkraut auch Wildkraut, das gibt dem Garten gleich ein völlig anderes Biotop-Image. Pestizide und Herbizide kommen mir da auf gar keinen Fall hin, weswegen ich meine sommerlichen Abende meistens in gebückter Haltung hinterm Haus verbringe, um die wilde Wucherei nicht völlig aus dem Ruder laufen zu lassen.

Wie ich nun also so im Biotop-Garten herumstehe und mich über den Sonnenschein freue, fällt mein Blick auf eine Distel. Ich habe nichts gegen Disteln, die Schildkröten lieben sie, aber diese wächst genau neben dem Hibiskus, und den mag ich mehr als die Distel. Mit dem Unkrautstecher mache ich mich ans Werk. Manchmal klappt’s damit sogar, eine komplette Wurzel rauszuhebeln. Aber diese Distel wehrt sich hartnäckig, sodass ich am Ende dumm dastehe mit viel Grün und etwas Wurzel in den Handschuhen. Der Rest steckt noch drin in der Erde und grinst mich hämisch an. Es müssen härtere Geschütze aufgefahren werden.

„Warte, warte nur ein Weilchen, dann komm ich mit dem Hackebeilchen“, drohe ich dem geköpften Ding, hole den Spaten und die Schaufel und spucke in die Hände, was ein böser Fehler ist, weil da ja die Handschuhe drüber sind. Ich wische den Sabber an der alten Hose ab und fange an zu graben. Stück für Stück arbeite ich mich tiefer und tiefer, steche, schaufele und grabe, doch dieses verflixte Wurzelluder hat anscheinend gar kein Ende. Nach zwei Stunden fühle ich mich leicht erschöpft, das Loch ist inzwischen knietief. Ich hieve mich mühselig nach oben und hole die Leiter plus Taschenlampe aus der Garage. Sicher ist sicher. Nach einer kleinen Stärkung in Form einer Tafel Schokolade und einem halben Liter Cola bin ich wieder fit.

„Wen willst du denn verbuddeln? Deinen Mann?“, ruft meine Nachbarin übern Zaun. Sehen kann sie nur meine Haare, der Rest von mir ist in der Grube verschwunden. Das fehlte mir noch, dass sich so ein Gerücht im Dorf rumspricht. Es gibt ja Leute, die denken sowieso schon ganz komische Sachen von mir.

„Nix und niemanden, ich suche nur was“, rufe ich so heiter wie möglich.

„Öl?“, kommt’s prompt von drüben. Ich beschließe zu schweigen und grabe nicht weiter in die Tiefe, sondern nach rechts. Diese teuflische Mörderwurzel wächst nämlich kreuz und quer und ist ungefähr so dick wie mein Unterarm. Mittlerweile kniend arbeite ich mich in alle Richtungen vor, grabe nur noch Tunnel, das Tageslicht wird immer schwächer.

Hinter mir türmen sich mehr und mehr Erdhügel auf, ich verliere allmählich die Orientierung und frage im Vorbeikommen drei Skat spielende Maulwürfe nach dem Weg.

„Immer weiter an der Wurzel entlang“, lacht mich einer aus, was ich irritierend finde und überhaupt ist das Ganze seltsam. Wahrscheinlich fantasiere ich schon. Blindes, Karten dreschendes Getier wäre gar nicht mal so schlimm, aber nun kommt mir von vorne auf einmal Erde entgegen. Die Wand bricht ein, ein Haarschopf hindurch, gefolgt vom Rest des Kopfes und zwei Armen. Grüne Augen blicken mich erstaunt an, ich blicke genau so zurück.

„Hi!“, sage ich. „Auch hier?“ Mein männliches Gegenüber hockt jetzt vor mir, schüttelt sich den Dreck aus den roten Haaren, macht den Mund auf, sagt was, und ich verstehe kein einziges Wort. Nichts außer niederländischem Gebrabbel. Einmal mehr bereue ich, den Sprachkursus noch nicht belegt zu haben, schüttele ebenfalls den Kopf und will an dem Rotschopf vorbeikriechen. Was nicht geht, der Gang ist mit Erde völlig verstopft. Wir stecken fest. Ich bin alleine mit einem Niederländer in einem überdimensionalen, unterirdischen Irrgarten eingesperrt, die Maulwurfsjungs sind verschwunden, die Distelwurzel dafür immer noch da.

Zeitgleich zeigen der Mann und ich nach oben zum einzigen Fluchtweg, der uns bleibt. Mit vereinten deutsch-niederländischen Kräften graben wir uns hoch, mitten in den Sonnenuntergang von Brüssel.

Da wollte ich immer schon mal hin. Brüssel im Frühling ist bestimmt eine Tunnelgrabung wert.

(c) 2015 @ Heidi Hensges

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„Mörderischer Selfkant“ ist da!

Das dritte Selfkantkrimi-Projekt unter der Leitung von Kurt Lehmkuhl ist auch das umfangreichste geworden: 32 Krimikurzgeschichten auf 300 Seiten sind frisch gedruckt und liegen in den Buchhandlungen aus. Von den Texterados sind dieses Mal Trixi und Heidi mit jeweils zwei Geschichten vertreten. Wie auch bei den beiden Vorgängerbänden „Blutroter Selfkant“ und „Tödlicher Selfkant“ gehen wieder sämtliche Einnahmen aus dem Verkauf der Bücher und Eintrittskarten als Spende an das Erkelenzer Hospiz.

Das schreibt die Aachener Zeitung zur Pressekonferenz vom 13.11.2014: Mörderischer Selfkant für den guten Zweck

Die Premierenlesung findet am 4. Dezember in der Buchhandlung Viehausen in Erkelenz statt.

ms-eintritt-premiere

 

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„Die Wolkenmafia“ zum Hören!

Dear Ladies and Gentlemen,

neulich trudelte in Heidis Postfach eine Riesen-Meeeeeeega-Überraschung ein. Der Absender war René Wagner, Profi-Sprecher aus Erkelenz. Der Kontakt zu René entstand vor ungefähr drei Jahren im Zusammenhang mit einer Nachfrage zu einem geplanten Hörbuch-Projekt. Seitdem waren René und Heidi immer mal wieder in Kontakt, kennen sich inzwischen auch persönlich und tauschen sich gerne über Ideen, eBooks, Projektpläne und anderes Gedöns aus. Nun kam es dazu, dass „Hallo ROSI!“ veröffentlicht wurde und fast zeitgleich auch die dritte Selfkantkrimi-Anthologie „Mörderischer Selfkant“ in Druck ging. In beiden Büchern ist Heidis Kurzgeschichte „Die Wolkenmafia“ zu finden. Warum in beiden? Gegenfrage: Warum nicht? :-)
Nun, René las diese Geschichte in „Hallo ROSI!“. Und sie gefiel ihm so gut, dass er spontan beschloss, „Die Wolkenmafia“ in seinem Studio selbst einzusprechen. Das war wirklich eine der tollsten Überraschungen im ganzen Jahr 2014, wenn nicht gar die beste von allen!
Ein ganz großes dickes Dankeschön, René!
Und Ihnen allen ganz viel Spaß beim Hören!

Los geht’s: René Wagner liest „Die Wolkenmafia“! Applaus bitte!

 

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Heidi ist ein Alien!

Naja, so ganz richtig ist das nicht. Sie WAR ein Alien. Und zwar am Freitag bei der 2. Leseburg in Erkelenz. Das war eine Veranstaltung, wie sie sein sollte. Perfekt organisiert von Helmut Wichlatz, frisch moderiert von Frank Rimbach und eifrig beklatscht vom Publikum. Offensichtlich hat es den Anwesenden gut gefallen, was Eike, Claudia Ingenillen und Heidi da alles so vorgelesen haben.

Nicht zu vergessen der im wahrsten Sinne des Wortes göttliche Auftritt von Helmut Wichlatz in Eikes Geschichte „Genesis reloaded“ und der „Gastbeitrag“ von Askim Erdogan. Askim hat auch ganz wunderbare Fotos von uns allen gemacht – leider hat sich die Aachener Zeitung zumindest online nur für Heidi mit den Alien-Augen und dem grünen Funkfinger entschieden. Leider deshalb, weil ALLE BETEILIGTEN zu diesem Abend beigetragen haben. Es ist schade, denn es war nicht nur gemeinsamer Spaß, sondern auch gemeinsame Arbeit und gemeinsames Engagement. Jede und jeder auf seine Weise.

Deshalb an dieser Stelle ein ganz ganz dickes, liebes, umärmelndes, begeistertes DANKE an euch!

Das schreibt die Aachener Zeitung online: http://www.aachener-zeitung.de/lokales/heinsberg/leseburg-autoren-zu-gast-in-der-erkelenzer-burg-1.950578

Und hier sehen Sie weitere Leseburg-Fotos von Askim: https://www.facebook.com/media/set/?set=a.344976425681182.1073741863.283864495125709&type=1

 

 

 

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„Hallo ROSI!“ jetzt als Taschenbuch!

Natürlich hat nicht jeder einen eBook-Reader, wo kämen wir denn da hin. Deshalb gibt’s die ROSI nun auch als gedrucktes, 100 Seiten starkes Taschenbuch. Bestellbar auch und nur über Amazon für schmale 6,90 €, und zwar hier:

Hallo ROSI! Printausgabe

Zur Erinnerung noch einmal den Link zum Kindle-eBook (Amazon hat beide Ausgaben noch nicht miteinander verknüpft):

Hallo ROSI! eBook

 

 

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2. Erkelenzer Leseburg am 31.10. mit den Texterados!

Damit habe weder ich noch eine der mitschreibenden Damen von den „Texterados“ gerechnet: Gerade mal 3 Wochen, nachdem unser Kurzgeschichtenband „Hallo ROSI!“ als eBook erschienen ist, bekamen wir ein tolles Angebot. Eike Wuscher und ich dürfen an Halloween bei der „Ladies‘ Night“ in der Burg Erkelenz daraus vorlesen! Die „Leseburg“ ist eine tolle Location. Vor einigen Wochen fand dort eine Krimi-Lesung mit Kurt Lehmkuhl, Helmut Wichlatz, Andreas Kaminski und Mechthild M. Gödecke statt, und es war wirklich wunderbar! Schauen Sie mal auf www.erkelenzkrimi.de, wie das Ganze ausgesehen hat: http://www.erkelenzkrimi.de/2014/09/12/1-leseburg-in-erkelenz-war-ein-erfolg/

Außer Eike und mir ist Claudia Ingenillen dabei, auf die ich sehr gespannt bin. Und es gibt einen Überraschungsgast, der auch hier an dieser Stelle nicht verraten wird. Lassen Sie sich eben überraschen :-)

Der Eintritt für die „Ladies‘ Night“ in der Erkelenzer Burg beträgt 5 Euro pro Person und wird vollständig an den Förderverein „Freunde der Burg“ gespendet. Die Burg braucht nämlich ganz dringend ein neues Schutzdach. Wie ich gerade in einer eMail lese, ist für Bier, Wein und Limonade gesorgt. Und wenn alles so klappt wie geplant, gibt es „Hallo ROSI!“ dann schon als Printbüchlein!

Also kommen Sie zuhauf, das wird ein toller Abend, versprochen!

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Hallo ROSI! Unser eBook ist online!

Es ist nicht nur so, dass wir uns über die dritte Selfkant-Krimianthologie „Mörderischer Selfkant“ freuen, die spätestens im November erscheint. Dieses Mal sind Trixi und Heidi mit mehreren Krimikurzgeschichten darin vertreten. Die ersten Lesungstermine stehen auch schon fest.

Aber die allerschönste Neuigkeit ist: Unser eBook ist endlich erschienen!
Es heißt „HALLO ROSI! Dorfgeschichten mit Herz und Humor“. 15 Geschichten von Trixi, Renate, Eike und Heidi, genau das Richtige für einen verregneten Sonntagnachmittag.
Schauen Sie hier und kaufen Sie es am besten gleich, es kostet auch nur 99 Cent :-)

Viel Spaß beim Lesen!

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Die Weihnachtsgeschichte 2013

Weihnachtswehen

Eine Kurzgeschichte von Heidi Hensges

Wir haben heute den 24. Dezember 2013, es ist 17.30 Uhr, und mein Mann, der Jupp, hat gekocht. Das mag zunächst nicht ungewöhnlich klingen. Das Dumme an der Sache ist: Ich bin im 9. Monat schwanger und das Abendessen besteht aus Tütensuppe, Discounter-Kartoffelsalat, Gummiwürstchen mit in 2012 abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum und klumpigem Schokoladenpudding. Jupp ist eben sparsam und hat es gerne schnell. Wie beim Sex auch. Im Übrigen ist sein Geburtstag am 1. April. So hatten wir am 1. April dieses Jahres schnellen Aprilscherz-Sex und dummerweise war auch das Mindesthaltbarkeitsdatum des Kondoms in 2012 abgelaufen. So kann’s gehen. Aber ich schweife ab.

„Lass es dir schmecken, Mary“, strahlt Jupp mich mit dem Stolz eines 5-Sterne-Koches an. Ich wuchte mich vom Sofa, schleppe mich zum Esstisch und sehe durch das Wohnzimmerfenster dem wüsten Schneetreiben zu, um mich von dem abzulenken, was mir – kulinarisch gesehen – bevorsteht. „Manche Leute haben noch nicht mal das“, meditiere ich stumm vor mich hin, löffele ungare Nudeln, würge eiskalte Mayopampe herunter, lasse ein Würstchen auf der Gabel hin und her wackeln und sage schließlich sehr gelassen: „Ich glaub‘, es geht los.“

„Mary, ich habe mir solche Mühe gegeben, manche Leute haben noch nicht mal das!“, motzt Jupp. Offensichtlich hat er meinen Satz missverstanden.

„Die Wehen gehen los, hergottsakra!“, motze ich glubschäugig zurück.

„Aber es gibt doch noch Nachtisch“, scherzt der Aprilscherzmann und wird blass.

„Hol gefälligst das Auto aus der Garage, aber flott!“, presse ich hervor und hoffe, dass ich dabei nicht noch etwas anderes herauspresse.

Jupp wankt zur Wohnungstür und steht 2 Minuten später wieder im Wohnzimmer. „Alles zugeschneit. Sieht schlecht aus mit Autofahren.“

Ich atme. Wie man das mit Wehen eben so macht. Immer schön durch die Nase ein und mit Ooooooh und Aaaaaah aus dem Mund wieder aus.

„Soll ich den Krankenwagen rufen?“, fragt Jupp und hampelt herum, als müsse er mal dringend. Ich antworte nicht und atme weiter. Das Krankenhaus ist, nebenbei bemerkt, nur ungefähr einen Kilometer entfernt.

„Ich hab’s! Bleib hier, Schatz, nicht weglaufen, bin gleich wieder da!“ Atmend starre ich meinem Mann auf seinem Weg zur Kellertreppe hinterher. Es rumpelt irgendwo unter mir, dann scheppert es, dann rumpelt es wieder, dann steht Jupp schwitzend vor mir. Mit Spinnweben in den Haaren, einer verstaubten Weihnachtsmannmütze auf dem Kopf und einem Schlitten neben sich. Ja, Sie haben ganz richtig gehört. Mit einem Holzschlitten, den er irgendwann während seiner Tischlerjahre zusammengezimmert hat. „Leg dich da drauf, mein Engel, wir schaffen das! Beeil dich!“

Schwupps, weg ist er schon und mit dem Schlitten vor der Haustür. Mein Gatte meint es ernst. Wenn er „mein Engel“ sagt, meint er es immer ernst. Zu einem Widerspruch bin ich gerade leider nicht in der Lage. Ich muss mich aufs Atmen konzentrieren, egal wo. Draußen sind wenigstens andere Menschen. Vielleicht sogar ein Arzt. Oder eine Hebamme. Wenigstens ein Medizinstudent, ein Heilpraktiker oder ein Veterinär, irgendwas. Egal, alles ist jetzt besser als mitten im Wohnzimmer in Gegenwart von Jupp und vor den Augen unseres Katers zu gebären. Ich torkele samt Wolldecke zur Tür hinaus und warte auf Hilfe. Von Jupp.

„Ihr Taxi, Madame, bitte steigen Sie ein!“

Ich kann nicht mehr und gucke auch so. Es scheint zu wirken. Mein Ehemann greift mir unter die Arme. Buchstäblich. Es ist eine sehr, sehr absurde Situation, und ich bin sehr, sehr froh, dass uns niemand beobachtet, bis ich auf dem Schlitten liege. Wie ein dicker, gestrandeter Delfin auf dem Transportweg ins nächste Meeresaquarium liege ich da. Ein- und ausatmend, nur ohne Blasloch.

Nach 300 Metern sind wir an der Kirche, die auf dem Weg zum Krankenhaus liegt. Just in dem Moment, als ich von meinem bekloppten Mann daran vorbeigezogen werde und ein bisschen über Scheidung nachdenke, öffnet sich die Kirchentür. Die frühe Abendmesse ist zu Ende. Die mit dem Krippenspiel. Eltern mit Kindern drängen heraus, mittendrin Josef, Maria, Caspar, Melchior, Balthasar und ein paar Hirten.

„Ho ho ho, sehet her, heute wird euch ein Christkind geboren! Ho ho ho!“

Jupp ist in Bestform. Das meint er zumindest. Andere sehen das anders. Ich winsele und schnaufe inzwischen wie ein adipöser Bernhardiner, Jupps Nase leuchtet röter als die von Rudolf Rentier und weiter als der Stern von Bethlehem. Kinder und Mütter zeigen unterschiedliche Reaktionen. Die einen jubeln und klatschen, die anderen heulen hysterisch, andere bekreuzigen sich.

Doch da, da, ein heller Hoffnungsstreifen am verschneiten Horizont! Das Meer, äh, Menschenmeer teilt sich. Strammen Schrittes steuert der Pastor direkt auf uns zu. Und erkennt den Sinn und Ernst unserer unvorteilhaften Lage sofort.

„Machen Sie mal Platz, junger Mann, zu zweit geht das viel besser. Junge Frau, alles wird gut.“

Ja, zu zweit geht es in der Tat viel besser, das hat der Pastor sehr schön gesagt. Ich frage mich, warum Jupp nicht einfach beim Nachbarn geklingelt hat. Zehn Minuten später erreiche ich mit Doppelgespann vor und den heiligen drei Königen hinter mir das Krankenhaus. Der Pastor verabschiedet sich und verschwindet mit den drei Jungs in den dunklen Heiligabend, als sei nichts Besonderes gewesen.

Kurz vor Mitternacht sind wir, Mary und Jupp, mit bürgerlichem Namen Maria und Josef, jauchzende Eltern eines knackigen Jungen. Als uns die Hebamme fragt, wie er heißen soll, antworte ich ohne zu zögern: „Casper, aber nicht wie der König, sondern wie der Sänger. Wir mögen seine Songs.“

Stimmt gar nicht, aber das muss sie nicht wissen. Caspar mit „a“, Melchior oder Balthasar wollten wir unserem Kind nicht zumuten. Jesus wäre gar nicht gegangen. Und der Pastor heißt Kevin. Also echt.

~ Ende ~

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