Alles easy!? Heidis erste Lesung

Alles easy

Hach, wie ist das schön, so völlig entspannt zu sein. Noch vor einem Jahr wäre ich vor Nervosität und Selbstzweifeln in den nächstbesten Blumenkübel gehüpft, aber heute? Die Premierenlesung von „Tödlicher Selfkant“ ist ausverkauft, und dass in zwei Stunden rund 100 Leute darauf warten, von mir bespaßt zu werden, juckt mich so viel wie ein Pickel am Hintern meines Nachbarn, nämlich gar nicht. Und nein, ich habe keine Drogen genommen. Weder flüssige, feste noch gasförmige.

Wobei … vielleicht rauche ich heute ein bisschen mehr als sonst. Und Kaffee trinke ich eh immer viel, da kommt’s doch auf einen Liter mehr oder weniger nun nicht an. Ich fühle mich super. Bis auf den Hunger. Frank Sorge, ein lieber Freund und erfahrener Vorleser aus Berlin, riet mir, vor meiner ersten Live-Lesung kein Brathähnchen zu essen. Meinte der das ernst? Von einem Käsebrötchen sprach er zwar nicht, aber ich lasse das zur Sicherheit trotzdem für „danach“ liegen. Womöglich muss ich sonst rülpsen. Oder es verläuft sich ein Krümel irgendwohin und ich muss den vor Publikum raushusten. Neee, sicher ist sicher. Essen wird eh total überbewertet.

Ich bin also perfekt vorbereitet. Meine Manuskripte habe ich auch schon ganz oft überprüft, sind alle da. Die schwarze Jeans ist immer noch sauber, die Bluse ebenso, die roten Dockers stehen seit gestern geputzt im Flur. Ich habe keinen Dreck im Gesicht und die Haare schön. Dass ich mich beim Augenbrauenzupfen verzupft habe, merkt sicher niemand. Oder doch? Herrjeh, sieht das doof aus. Noch mal zupfen? Mal probieren. Mist, nun sieht’s noch schlimmer aus. So kann ich nicht unter die Leute! Nun muss ich aber. Mein Mann grinst so. Was will der mir sagen? Ich bin nicht nervös! Was bildet der sich ein!

Trixi kommt. Ich stolpere zur Tür raus. Habe ich zwei gleiche Schuhe an? Glänze ich? Hab ich den Puder mit? Ist mein Lippenstift verschmiert? Die Augenbraue macht mich wahnsinnig. Die lachen doch gleich alle. Trixi merkt nix. Oder sie sagt nix. Ich atme in Körperteile und wieder zurück. Das wird schon.

Die Leonhardskapelle ist voll bis unters Kapellendach. Wie gut, dass ich so relaxt bin. Und dass ich noch zweimal pinkeln war und nachgepudert habe. Was suche ich eigentlich ständig in meiner Handtasche? Keine Ahnung. Habe ich das richtige Manuskript? Natürlich, immer noch. Der Chor singt irgendwas, das aber sehr schön. Gleich bin ich dran. Noch schnell was trinken. Ich geh besser links rum, rechts liegt da das Kabel, böse Stolperfalle. Ich bin dran! Das Mikro ist zu hoch. Jemand fummelt dran rum. Wie gut, dass hier Profis sind. Mein Herz wummert. Ich hole tief Luft aus dem Bauch und lese. Ich lese! Vor Leuten! Witzig, ich sehe kaum welche, nur ein paar ganz vorne. Ui, ich bin gut! Doch was ist nun mit meiner Stimme los? Hat mal jemand Wasser für mich? WASSER!!! Die letzte Seite. Hilfe, hab ich einen Durst. Was stört mich noch die Augenbraue, wo ist meine Spucke hin?

Letzter Satz, puh. „Vielen Dank“, krächze ich. Applaus. Tosender Applaus! Kurt haut mir begeistert auf den Rücken. Wo sind wir denn hier? Gerd und Astrid halten die Daumen hoch. Ich hab’s geschafft!

Tja, man muss eben nur entspannt an die Sache rangehen, dann klappt das auch.

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Ein Senf zu Alles easy!? Heidis erste Lesung

  1. Renate schreibt:

    Sehr schön!