Das Bücherpicknick. Eine Nachlese.

Was treibt eine unbekannte Geschichtenschreiberin aus Heinsberg-Hülhoven dazu, zum Bücherpicknick nach Duisburg zu fahren? Genau das. Kaum jemand außerhalb dieser Region kennt meine Geschichten. Ich wähnte mich beim Bücherpicknick in bester Gesellschaft. Kleine Verlage, private Projekte, Autorinnen und Autoren mit Texten voller Herzblut, aber ohne Lobby. Alles (Literatur-)Verrückte, aber weit entfernt von kommerziellem Erfolg. Freunde von mir haben dieses Event mitorganisiert, sonst wäre ich nicht hingefahren und hätte auch sicher nicht davon erfahren. Duisburg liegt in einer anderen Galaxie als Heinsberg.

Die Organisatorinnen und Organisatoren haben mit dem Bücherpicknick wirklich Großartiges geleistet. Einen ausführlichen Rückblick auf das Davor, das Währenddessen und das nun schon Danach lesen Sie am besten bei Thorsten Küper nach. In seinem Blog finden Sie auch viel Bildmaterial und Links zu weiteren Artikeln über die gestrige Veranstaltung.

Ich kam um 15 Uhr nach insgesamt drei Stunden Fahren, Warten und Fahren mit Bus, Bahn, U-Bahn und Bus (rechnet man den zwanzigminütigen Bustransfer zum Linderner Bahnhof und die halbe Stunde sinnbefreites Herumgammeln auf Bahnsteig 1 von zweien mit ein) sehr hungrig und sehr durstig im Parkhaus (keine Tiefgarage!) in Duisburg-Meiderich an. Kirsten Riehl, Autorin, Freundin und Mitorganisatorin, versorgte mich umgehend mit Cola und Nudelsalat und zeigte mir den Grill vom Autorencatering. Danke, Kirsten!

Mit den Lesungen war schon nach 13 Uhr begonnen worden. Die erste, die ich selbst hörte, war Lyrik. Es gab noch öfter Lyrik an diesem Tag. Hervorragend, wortgewaltig und teils mit vollem Körpereinsatz vorgetragen. Ich bin nun leider kein großer Fan von Lyrik, wenn sie sich nicht reimt und keine klaren Aussagen hat. Das Nachdenken darüber strengt mich zu sehr an. Trotzdem interessiert mich Lyrik, weil sie viele Facetten hat und weil ich mich immer wieder frage, warum Lyrik mir solche Schwierigkeiten macht. Am meisten nachgewirkt haben die Texte von Emine Textor von Bitterschlag e.V.

Spontan gekauft habe ich mir das Buch „VerBAL-rouLADEN“ von Peter Borjans-Heuser. Bei seiner Lesung saß ich leider noch im Zug. Lyrik mit viel Witz, die sich reimt. Das Richtige für mich Lyrik-Banausin. Die Texte im Buch erinnern mich phasenweise an Heinz Erhardt. In einem Zeitungsartikel ist vom „Stile Wilhelm Buschs“ die Rede. Passt. In einer Ballade dreht es sich sogar, welch ein ungeahnter Zufall, um einen unbekannten Autoren aus Erkelenz. Dabei war Peter Borjans-Heuser Leiter einer Gesamtschule in Duisburg. Ich muss ihn mal fragen, wie er auf Erkelenz kommt. Mir kommt da zwar eine Idee, aber die zu formulieren, wäre garstig. Nicht dem Peter gegenüber. Eher Erkelenz gegenüber.

Gegen 17.30 Uhr war ich dran. Vor Publikum, das sich beruflich oder auch nur aus Leidenschaft intensiv mit Literatur auseinandersetzt und mich vorher noch nie gesehen oder gehört hat. Völlig neue Voraussetzungen. Gemeinsam mit Thorsten Küper las ich die bis jetzt unveröffentlichte Geschichte „Das Interview“. Was mich überrascht hat, war die Tatsache, dass das Publikum anfangs lachte. Es hielt diese zugegebendermaßen völlig abstruse, makabre und überzogene Geschichte zuerst für eine Satire. Bis zum Wendepunkt. Eine interessante Erfahrung. Die Reaktion des Publikums im ersten Teil der Geschichte war absolut nachvollziehbar, obwohl ich damit überhaupt nicht gerechnet hatte. Man ist bei den eigenen Texten eben einfach nicht objektiv. Aus dem Applaus samt begeisterten Kommentaren und den Gesprächen danach darf ich mich freuen zu sagen, dass „Das Interview“ super angekommen ist und ich wirklich stolz darauf bin. Danke an dieser Stelle an Thorsten, dass er die Rolle des Fragenden übernommen hat. Ich hätte mir keinen besseren Partner dafür vorstellen können.

„Das Interview“ - vorgelesen mit Thorsten Küper

 

Als zweite Geschichte hatte ich „Melissas Tagebuch“ ausgesucht. Eine Premiere, denn sie wurde zwar in „Tödlicher Selfkant“ veröffentlicht, aber noch nie vor „echtem“ Publikum vorgelesen. Es passte einfach immer nicht so richtig. Zur Erklärung für diejenigen vielen Personen, die die Geschichte nicht kennen: Es geht um Kindesmissbrauch. Ein sensibles Thema, auf drei Buchseiten verpackt. Es war sehr still im Publikum. Aber es war das richtige Publikum dafür, das erste Mal.

Sehr gerührt war ich darüber, dass hinterher völlig fremde Menschen (darunter Jürgen, der 30 Jahre lang als Lektor gearbeitet hat) spontan auf mich zukamen und mir ein unfassbar positives Feedback gaben. Ich war für sie ein weißes Blatt Papier gewesen, als ich auf die Bühne kam. Sie hatten keine Ahnung, was auf sie zukommen würde. Meine Geschichten sind vom klassischen Krimi weit entfernt. Trotzdem bin ich damit wohl auf dem richtigen Weg. Ich konnte nicht anders und habe Jürgen umarmt. Er weiß, warum.

Ich musste viel nachdenken heute über den gestrigen Tag. Deshalb beende ich nun diesen ganz persönlichen Bericht mit meinen persönlichen Eindrücken, obwohl es noch ganz viel zu erzählen gäbe.

Doch eins noch zum Schluss: Alle, wirklich alle „Bücherpicknicker“ waren grandios. Danke für das, was ihr tut, wie ihr es tut und was gestern auf die Beine gestellt wurde.

Heidi

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