Und noch eine Weihnachtsgeschichte …

Gestern auf der Weihnachtslesung in Kraudorf haben Trixi, Renate und Heidi drei eigene Weihnachtsgeschichten vorgelesen. Diese Geschichten stammen aus einer immer umfangreicher werdenden … nun, nennen wir es ruhig mal Reihe.

Eine der Geschichten von der gestrigen Lesung können Sie jetzt hier – na, was wohl? TROMMELWIRBEL! LESEN!

Viel Vergnügen 🙂

Quak!

Eine Geschichte von Heidi Hensges

Roswitha Pütz war extra um 6 Uhr aufgestanden und mit der Bahn zum Last-Minute-Shopping nach Düsseldorf gefahren. In den letzten, verkaufsoffenen Stunden des Heiligabends wollte sie die Zeit nicht mit der Suche nach einem Parkplatz verplempern. Und Düsseldorf musste sein, denn für den besonderen Anlass wollte sie nur das Beste haben. Die 217,80 Euro taten allerdings schon ein wenig weh. Andererseits – wann hatte sie sich das letzte Mal so etwas Schönes gegönnt?

Verstohlen lugte sie in die kleinen, schicken Papiertüten. So wenig Stoff für so viel Geld … Rosi musste lächeln. „Wenn meine Kinder das wüssten“, dachte sie in sich hinein. „Und Freddy erst!“ Aus dem Lächeln wurde ein Glucksen. Das ihr gegenüber sitzende Mädchen mit den struppigen grünen Haaren und der kaputten Hose warf ihr einen bösen Blick zu. Rosis Glucksen steigerte sich zu einem hemmungslosen, lauten Gelächter. Zwei Minuten später lachte der ganze Großraumwagen und niemand wusste, warum.

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Alfred „Fred“ – für die besten Freunde und die Familie auch „Freddy“ – Pütz stand miesepetrig in der Miniküche seiner Mietswohnung in Heinsberg-Oberbruch und briet Spiegeleier. So hatte er sich sein Heiligabend nicht vorgestellt. Schöne Geschenke hatte er besorgt. Besonders stolz war er auf den einen Meter großen Plüschfrosch für sein Enkelkind Marie. Rosi, mit der ihn zwei Jahre nach der Scheidung eine Art geschwisterlicher Freundschaft verband, sollte ein Fläschchen ihres Lieblingsparfums „Tosca“ bekommen. Und nun? Seine Tochter feierte mit Mann und Kind bei den Schwiegereltern, sein Sohn mit Freundin in der Karibik und Rosi hatte irgendwas von „mit Ute einen gemütlichen DVD-Abend machen“ erzählt. Die Dame, die sich vor vier Wochen auf seine letzte Kontaktanzeige gemeldet hatte, suchte nur ein Abenteuer. „Fred Pütz ist kein Mann für eine Nacht!“ war seine empörte Antwort darauf gewesen und trotzdem hatte er vor einer Stunde noch mal bei ihr angerufen. Zu dumm, dass ein Mann ans Telefon ging.

Am nächsten Tag würde sich die ganze Familie, bis auf den elitären Sohn natürlich, beim Griechen treffen. Aber niemand wollte mit ihm Heiligabend verbringen. Er war ein einsamer, geschiedener, abgeschobener, in die Ecke gestellter und nicht mehr abgeholter, trauriger Mann. Eine kleine Träne lief ihm die Wange herunter und tropfte mitten auf ein Spiegelei.

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Bevor Rosi in Geilenkirchen-Lindern aus dem Zug stieg, ließ sie fix noch die „Luxus Lingerie London“-Tüten in der „Kaiser‘s“-Tüte neben Schinken, Käse und Lachs verschwinden. Inzwischen war es 14 Uhr. Sie hatte noch fünf Stunden Zeit. Fröhlich stieg sie in ihren kleinen, gelben Fiat und betrachtete sich kurz im Spiegel. „Na, Frau Pütz, schon aufgeregt?“, fragte sie ihr Konterfei und grinste.

Frank Moser. Was für ein Mann. Und so schön! Und so jung! Endlich, endlich war wieder Erotik in ihrem Leben. Es kribbelte und krabbelte und kitzelte im ganzen Bauch, im ganzen Busen, sogar in den Ohren! Rosi fühlte sich trotz ihrer 52 Jahre wie allerhöchstens 40, seit Frank Moser sie das erste Mal zum Essen eingeladen hatte. Und das nicht etwa in irgendein Restaurant – nein, bei sich zu Hause! Er hatte selbst gekocht! Pasta mit Meeresfrüchten und flambiertes Eis! Freddy konnte höchstens unfallfrei eine Dose Suppe öffnen und heißmachen, ohne dass man hinterher den Topf wegwerfen musste. „Was er heute Abend wohl macht?“ Rosi verscheuchte den Gedanken ganz schnell wieder, startete den Motor, schaltete das Radio an und düste beschwingt und „Last Christmas“ singend nach Hause gen Kirchrath.

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„Reiß‘ dich gefälligst zusammen! Du bist ein Kerl und kein verdammtes Mädchen!“, beschimpfte Fred Pütz sein Spiegelbild. „Du rufst jetzt deine Kumpels an!“ Wenn Frauen sich einen gemütlichen DVD-Abend machen konnten, konnten Männer sich einen derben Männerabend machen, jawoll! Jupp und Manni waren dafür genau die Richtigen – auch so verlassene Gestalten und immer Bier und Korn im Haus.

Um 17 Uhr hatte er nicht nur mit Jupp und Manni, sondern auch mit Tommy, Hotte, Mattes, Totte, Jürgen, Joschi, Schorschi, Pitt, Rolle und Ralle telefoniert. Kalle war ja schon vor Urzeiten nach Hamburg ausgewandert. Es war zum Hasenmelken! Wer noch nicht wieder mit der Exfrau oder schon wieder mit einer Neuen zusammen war, war entweder sturzbetrunken, auf dem Weg in den Urlaub oder in den Puff. Hotte war vor zwei Jahren sogar schon mal tot gewesen, erfuhr er bei der Gelegenheit.

Trübsinnig guckte Fred zum Fenster hinaus. Es schneite wie bekloppt, im Wohnblock gegenüber leuchteten die Weihnachtsbäume und Lichterketten, und er saß hier gemeinsam mit einem Riesenfrosch. Im Fernsehen lief nur Mist: „Das Winterfest der Volksmusik“ vom Jahr zuvor, „Rocky 1“, „Stirb langsam 2“, „Sturm der Liebe, Teil 974“. „Und nun?“, fragte er in Richtung Frosch. Doch der wusste auch keine Antwort.

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Rosi drehte sich nach links, nach rechts, drehte sich um und wieder zurück. Das Mieder im Leopardenlook sah umwerfend aus! „Rrrrrrrrrrr“, machte sie und kicherte. „Rrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr“. Sie kriegte sich überhaupt nicht mehr ein. Sogar das mit dem Strapsgürtel hatte schmerz- und unfallfrei geklappt. Frank Moser war schließlich Physiotherapeut, und zwar ein ganz hervorragender. Eine Stunde noch, dann erwartete Rosi der Abend der Abende und die Nacht der Nächte! Was er ihr wohl schenken würde? Was er wohl anhaben würde? Sie drehte die Heizung höher, zog die Vorhänge zu, begutachtete die Schnittchen, polierte ein letztes Mal die Sektflöten, stellte Kerzen auf und stieg in ihr tief ausgeschnittenes, aufregend schimmerndes, dunkelgrünes Cocktailkleid. Noch ein bisschen Chanel No. 5 aufs Dekolleté, Rouge auf die Wangen und Gloss auf die roten Lippen. Sie war perfekt vorbereitet.

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„Ich hab’s! Ab nach Hamburg! St. Pauli, ich komme!“ Freddy warf vor Begeisterung über seine eigene Idee die Gewürzgurke, in die er gerade hineingebissen hatte, in die Luft und war kurz irritiert, weil die Gurke anschließend über den Küchenfußboden bis in den Flur kullerte. Der Gedanke an Kalle in Hamburg war der Auslöser für den Masterplan des Abends gewesen. Okay, er würde ein paar Stunden Fahrt vor sich haben, bei dem Wetter bestimmt auch ein paar Stunden mehr, aber dafür winkte ihm danach jede Menge Spaß! Vielleicht würde er auch für immer in Hamburg bleiben! Was Kalle hinbekam, konnte so schwierig ja nicht sein. Schnell packte er kleines Gepäck zusammen, schmierte sich ein paar Butterbrote für unterwegs, schüttete frisch gekochten Kaffee in die Thermoskanne und verließ samt seiner neu erweckten Lebensgeister die Wohnung. Kurz vor dem Öffnen der Haustür blieb er stehen, dachte zwei Sekunden lang nach, ging wieder zurück und schnappte sich den Frosch. „Komm mit, du sollst auch nicht einsam sein“, sagte Fred zum Frosch und machte sich endgültig auf den Weg ins ganz große Vergnügen. Dass kurz darauf sein Telefon ständig klingelte, bekam er natürlich nicht mehr mit.

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„Guten Abend, mein Röselein!“ Pünktlich um 19 Uhr betrat Frank Moser die gemütliche Wohnung über dem Kirchrather Eckchen. „Hallo, mein Lieblingsmasseur!“, hauchte Rosi und kniff ihn frech in den Po. Er lachte laut auf, umschlang ihre Hüften und zog sie fest an sich. „Ja, was hast du mir denn DA mitgebracht?“, kicherte Rosi. Fünf Minuten später lag ihr Kleid mitten auf dem Wohnzimmerteppich, und wer sein Ohr an die Wohnungstür gelegt hätte, dem wäre ein voluminöses „Rrrrrrrrrrrrrrrrrrrr“ nicht entgangen.

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„Mist, Mist, Mist!“ Kurz vor dem Autobahnkreuz Neuss-West stand Freddy Pütz mit eingeschalteter Warnblinkanlage auf dem Seitenstreifen und vermisste sein Portemonnaie samt EC- und Kreditkarte. Er konnte es doch nicht vergessen haben! Offensichtlich war das aber so, denn es befand sich weder in der Hosentasche, noch in der Jackentasche, nicht im Handschuhfach und nicht unter dem Fahrersitz. „Das kann nicht wahr sein! Ich Idiot!“ Außer sich vor Ärger und Wut hämmerte er fluchend auf das Lenkrad ein. Es nützte nichts. Es nützte alles nichts. Seine heiligabendliche Fahrt ins Glück war um kurz vor 21 Uhr zu Ende. Kein Geld, kein Hamburg. Freddy Pütz musste umkehren. „Tut mir leid, Kumpel“, krächzte er heiser und drehte seinen Kopf langsam nach rechts. Für einen Moment kam es ihm so vor, als ob der grüne Beifahrer grinste.

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Frank Moser wurde gerade mit Oliven gefüttert, als Zwergpudeldame Püppi die Ohren spitzte, aus dem Körbchen sprang und schwuppdiwupp auf die Fensterbank zwischen die Weihnachtsengel hüpfte. „Gehst du runter da!“, schimpfte Rosi, nicht ahnend, warum das weiße Fellknäuel so aufgeregt war. Währenddessen schnallte ihr Ex-Mann unten auf der Straße vor dem Kiosk mitten im Schneetreiben den Frosch vom Gurt ab und schlug sich feste auf die Stirn. Mitten auf dem Beifahrersitz lag – sein Portemonnaie. „Ich bin nicht nur ein Idiot, ich bin ein Vollidiot!“, brummte er frustriert, schloss den Opel ab und betrachtete das discoeske Lichterkettenblinken im Ladenfenster. „Die Rosi und ihr Dekofimmel. Was das an Strom kostet!“, brummte er weiter. „Und die Haustür ist nicht abgeschlossen. Das kann man doch nicht machen mitten in der Nacht“, brummte er noch mal, drückte die Türklinke ganz herunter, stieg schnaufend die Stufen hoch und zögerte kurz, bevor er klingelte. Er musste irgendwie so tun, als sei sein Tag bisher super gewesen. Noch einmal tief Luft holen, und …

„Wer ist denn das um die Uhrzeit?“, schreckte Rosi vom Sofa hoch und befürchtete mindestens einen Christbaumbrand samt Dorfevakuierung. Schnell schlüpfte sie in den Morgenmantel, scheuchte die kläffende Püppi aus dem Weg und öffnete die Wohnungstür. „Quak, von draußen vom Walde komm ich her, quak, ich bin ein verwunschener – äh …“. Sie blickte mitten in ein Froschmaul, hinter dem sehr langsam Freddys Kopf auftauchte.

„Stör‘ ich? Fröhliche Weihnachten, oh, hallo!“ Frank Moser war hinter Rosi erschienen – mit einem glitzernden Strumpfband um die Stirn. „Ich – äh – also – äh – oh – ähm …“, mehr brachte Freddy nicht mehr heraus, bevor Rosi ihn am nassen Jackenärmel in den Flur zog und die Tür hinter ihm schloss.

„Darf ich vorstellen? Fred – Frank – Frosch, Frosch – Frank – Fred. Vertragt euch, ich koche Kaffee. Schnittchen, Freddy?“ Seelenruhig und bis zu den Ohren grinsend verschwand Rosi in der Küche. Sie stellte keine Fragen. Frank riss sich das Strumpfband vom roten Kopf, Püppi wedelte fröhlich mit dem Schwanz, Freddy hielt sich nervös am Frosch fest und fegte mit dessen Beinen die Sektflöten vom Couchtisch.

Es war der Beginn eines sehr lustigen Abends mit 17 und 4 zu dritt bis um zwei und einer neuen, dicken Männerfreundschaft.

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Ein Senf zu Und noch eine Weihnachtsgeschichte …

  1. Sabrina schreibt:

    Heidi,

    ein wunderbares kleines Beispiel für weihnachtlichen (Un-)Sinn. Herrlich!