Maulwurfsfrauen graben besser

Eine Kurzgeschichte von Heidi Hensges

Mit Karneval hatte ich 40 Jahre lang nichts am Hut. Meine alte Heimat ist Niedersachsen, das erklärt diese Tatsache, an der sich durch den Umzug an den Niederrhein übrigens auch nichts geändert hat. So kommt es, dass ich auch am Rosenmontag dieses Jahres völlig unjeck im Büro sitze. Nichtsdestotrotz verursacht die musikalische Beschallung von draußen eine gewisse Arbeitsunlust, die sich durch das hartnäckige Klopfen der Frühlingssonne am Fenster noch verstärkt.

„Na gut“, denke ich, „ein bisschen in den Garten gehen wäre ganz nett.“ Nun ist es so, dass dieser Garten eigentlich gar keiner ist. Im Grunde handelt es sich um eine völlig verunkrautete Grünfläche mit einer völlig verunkrauteten Rabatte und einem völlig verunkrauteten Beet, das ich schon lange nicht mehr Beet, sondern Acker nenne. Aber immerhin habe ich die Lizenz zum Unkrautzüchten in Form zweier Landschildkröten. Und als große Tierfreundin lege ich selbstverständlich Wert auf eine möglichst artgerechte Haltung und Fütterung. Deshalb heißt mein Unkraut auch Wildkraut, das gibt dem Garten gleich ein völlig anderes Biotop-Image. Pestizide und Herbizide kommen mir da auf gar keinen Fall hin, weswegen ich meine sommerlichen Abende meistens in gebückter Haltung hinterm Haus verbringe, um die wilde Wucherei nicht völlig aus dem Ruder laufen zu lassen.

Wie ich nun also so im Biotop-Garten herumstehe und mich über den Sonnenschein freue, fällt mein Blick auf eine Distel. Ich habe nichts gegen Disteln, die Schildkröten lieben sie, aber diese wächst genau neben dem Hibiskus, und den mag ich mehr als die Distel. Mit dem Unkrautstecher mache ich mich ans Werk. Manchmal klappt’s damit sogar, eine komplette Wurzel rauszuhebeln. Aber diese Distel wehrt sich hartnäckig, sodass ich am Ende dumm dastehe mit viel Grün und etwas Wurzel in den Handschuhen. Der Rest steckt noch drin in der Erde und grinst mich hämisch an. Es müssen härtere Geschütze aufgefahren werden.

„Warte, warte nur ein Weilchen, dann komm ich mit dem Hackebeilchen“, drohe ich dem geköpften Ding, hole den Spaten und die Schaufel und spucke in die Hände, was ein böser Fehler ist, weil da ja die Handschuhe drüber sind. Ich wische den Sabber an der alten Hose ab und fange an zu graben. Stück für Stück arbeite ich mich tiefer und tiefer, steche, schaufele und grabe, doch dieses verflixte Wurzelluder hat anscheinend gar kein Ende. Nach zwei Stunden fühle ich mich leicht erschöpft, das Loch ist inzwischen knietief. Ich hieve mich mühselig nach oben und hole die Leiter plus Taschenlampe aus der Garage. Sicher ist sicher. Nach einer kleinen Stärkung in Form einer Tafel Schokolade und einem halben Liter Cola bin ich wieder fit.

„Wen willst du denn verbuddeln? Deinen Mann?“, ruft meine Nachbarin übern Zaun. Sehen kann sie nur meine Haare, der Rest von mir ist in der Grube verschwunden. Das fehlte mir noch, dass sich so ein Gerücht im Dorf rumspricht. Es gibt ja Leute, die denken sowieso schon ganz komische Sachen von mir.

„Nix und niemanden, ich suche nur was“, rufe ich so heiter wie möglich.

„Öl?“, kommt’s prompt von drüben. Ich beschließe zu schweigen und grabe nicht weiter in die Tiefe, sondern nach rechts. Diese teuflische Mörderwurzel wächst nämlich kreuz und quer und ist ungefähr so dick wie mein Unterarm. Mittlerweile kniend arbeite ich mich in alle Richtungen vor, grabe nur noch Tunnel, das Tageslicht wird immer schwächer.

Hinter mir türmen sich mehr und mehr Erdhügel auf, ich verliere allmählich die Orientierung und frage im Vorbeikommen drei Skat spielende Maulwürfe nach dem Weg.

„Immer weiter an der Wurzel entlang“, lacht mich einer aus, was ich irritierend finde und überhaupt ist das Ganze seltsam. Wahrscheinlich fantasiere ich schon. Blindes, Karten dreschendes Getier wäre gar nicht mal so schlimm, aber nun kommt mir von vorne auf einmal Erde entgegen. Die Wand bricht ein, ein Haarschopf hindurch, gefolgt vom Rest des Kopfes und zwei Armen. Grüne Augen blicken mich erstaunt an, ich blicke genau so zurück.

„Hi!“, sage ich. „Auch hier?“ Mein männliches Gegenüber hockt jetzt vor mir, schüttelt sich den Dreck aus den roten Haaren, macht den Mund auf, sagt was, und ich verstehe kein einziges Wort. Nichts außer niederländischem Gebrabbel. Einmal mehr bereue ich, den Sprachkursus noch nicht belegt zu haben, schüttele ebenfalls den Kopf und will an dem Rotschopf vorbeikriechen. Was nicht geht, der Gang ist mit Erde völlig verstopft. Wir stecken fest. Ich bin alleine mit einem Niederländer in einem überdimensionalen, unterirdischen Irrgarten eingesperrt, die Maulwurfsjungs sind verschwunden, die Distelwurzel dafür immer noch da.

Zeitgleich zeigen der Mann und ich nach oben zum einzigen Fluchtweg, der uns bleibt. Mit vereinten deutsch-niederländischen Kräften graben wir uns hoch, mitten in den Sonnenuntergang von Brüssel.

Da wollte ich immer schon mal hin. Brüssel im Frühling ist bestimmt eine Tunnelgrabung wert.

(c) 2015 @ Heidi Hensges

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2 mal Senf zu Maulwurfsfrauen graben besser

  1. Kirsten schreibt:

    Liebste Tunnelgräberin Heidi,

    Bin ich froh das ich nur Blumenkästen habe!
    Obwohl ein ungewolltes Abenteuer schon etwas Besonderes ist!
    Wie bist du denn wieder nach Hause gekommen?

    Herzliche Grüße
    Kirsten

    • Texterado schreibt:

      Mit dem Niederländer. Er ist Milliardär und hat einen eigenen Hubschrauber 🙂

      Danke für deinen Kommentar, liebe Kirsten. Viele Grüße vom Niederrhein in den hohen Norden!
      Heidi