Edith im Glück. Eine Mittsommernachtsgeschichte.

Eine Kurzgeschichte von Heidi Hensges

Es war am 1. Juli 1993 um 9 Uhr morgens, als ein rätselhafter weiblicher Gast in der Lobby einer der besten Seniorenresidenzen Hamburgs eintraf. Die zierliche alte Dame war tadellos bekleidet mit einem leichten Leinenkostüm und einem flotten Hütchen, unter dem einige kurze blonde Locken keck hervorlugten. Ihre feinen, klaren Gesichtszüge, der wertvolle Schmuck, den sie trug, das sorgfältige, dezente Make-Up und ihre gepflegten Hände ließen die Hausleiterin Frau von Solms darauf schließen, dass es sich um eine recht wohlhabende Dame handelte. Ihr Name war Edith Gustafsson, so stand es im Personalausweis, geboren am 12. Februar 1920 in Stockholm.

Auf Ediths Frage nach einer bezugsfertigen, hübschen kleinen Wohnung mit Blick ins Grüne antwortete Frau von Solms mit „Ja“ und nannte ihr einen exorbitanten Mietpreis von 2500 Mark im Monat für 50 Quadratmeter. Ob sie die Wohnung sofort besichtigen könne, wollte Edith wissen, deren Gepäck lediglich aus zwei abgenutzten Lederkoffern bestand, die so gar nicht zu ihrem vornehmen Erscheinungsbild passten. Die Hausleiterin nickte kurz, geleitete sie in die Nummer 4, und beim Anblick der äußerst stilvollen Möblierung und der hübsch bepflanzten kleinen Terrasse verharrte Edith einige Minuten am Fenster, öffnete ihre Handtasche, zog ein großes Kuvert heraus, drückte es Frau von Solms in die Hand und erklärte somit die Miete für ein Jahr im Voraus als bezahlt.

Voller Erstaunen öffnete Frau von Solms den Umschlag und zählte 25 Scheine à 1000 D-Mark. Wieder nickte sie kurz, bevor sie Edith ohne weitere Fragen oder Forderungen den Mietvertrag unterschreiben ließ und ihr den Schlüssel überreichte. Auf die Frage, ob Edith außer den Koffern noch etwas brauche und ob sie Verwandte oder Vertraute habe, die es im Falle einer Erkrankung zu benachrichtigen gäbe, schüttelte diese nur den Kopf. Schnell begab sich die Hausleiterin in die Buchhaltung zu ihrem Ehemann, der die Echtheit der Scheine bestätigte und die 25.000 Mark sicher im Tresor verschloss.

Edith Gustafsson wurde in den Tagen, Wochen und Monaten darauf selten außerhalb des Speisesaals gesehen. Meistens saß sie in ihrem Schaukelstuhl und las oder saß am Schreibtisch und schrieb. Manchmal traf man sie in der Bibliothek an, manchmal beobachtete man sie auf der Terrasse, wo sie den intensiven Duft des blühenden Lavendels einsog. An Gesprächen beteiligte sich Edith nie, hörte aber geduldig zu. Sie war und blieb eine geheimnisvolle, stille Person. Alle Versuche der Hausleitung, mehr Licht in Ediths Identität zu bringen, endeten im Nebel.

Am 10. Juni 1994, fast genau ein Jahr nach Ediths Einzug, fühlte sie sich nicht wohl. Schwere Kopfschmerzen plagten sie seit dem Aufstehen, und als diese bis in den Nachmittag hinein nicht nachließen und Ediths Umgebung immer mehr vor ihren Augen verschwamm, betätigte sie zum ersten Mal das Haustelefon, um in der Lobby anzurufen. Dass Frau Gustafsson nach einem Arzt fragte, beunruhigte zunächst niemanden. Doch als dieser dem Personal nach der Untersuchung bekanntgab, dass Edith ihr Essen vorerst nur noch in ihrer Wohnung einnehmen könne und die Krankenschwester von nun an mehrmals am Tag nach ihr sehen müsse, war Frau von Solms besorgt um die zahlungskräftige Mieterin, hatten sie und ihr Ehemann doch gehofft, mindestens noch ein weiteres Jahr von ihrem Ersparten profitieren zu können.

Zehn Tage lang konnte Edith das Bett nicht aus eigener Kraft verlassen. Sie aß fast nichts, nur Suppe und eingeweichtes Brot, las nichts und trank nur, weil die Schwester ihr die Flüssigkeit mühsam einflößte. Ihr einst rosiger Teint wurde grau und grau und noch mehr grau, ihr Körper löste sich mehr und mehr auf, bis Edith völlig verschwand zwischen Kissen, Decke und Laken, noch atmend, noch sehend, noch hörend, aber unfähig zu stehen und zu gehen. Frau Gustafssons Leben ging zu Ende, dessen war man sich nun sicher.

Die Wendung kam am 20. Juni. Niemand hatte mehr damit gerechnet, dass Edith am Morgen vollständig bekleidet aus ihrer Wohnung trat und, als wäre nichts Besonderes geschehen, pünktlich um 8 Uhr ihren Platz im Speisesaal einnahm und um Tee und Toast bat. Unverzüglich rief man den Arzt, konnte man doch nicht glauben, was man dort sah. Aber Ediths Vitalität war vollständig zurückgekehrt, unvorhersehbar, unvorstellbar, über Nacht. Der Arzt suchte nach einer medizinischen Erklärung, irgendetwas, das mit wissenschaftlichem Verstand in Worte zu fassen war, übrig blieb nichts als Staunen, Freude und Erleichterung, vermischt mit einem Rest von Zweifeln, ob Ediths Zustand ein stabiler bleiben würde.

In den kommenden drei Tagen aß und trank die Genesene gut und regelmäßig, niemand hörte sie über Beschwerden klagen, die Kontrolluntersuchungen am Morgen und am Abend ergaben ausnahmslos Gutes. Ein kleines Wunder war geschehen, und Edith zu Ehren ließ Frau von Solms am frühen Abend des 24. Junis ein kleines Mittsommernachts-Buffet anrichten.

Edith trug ein leichtes, weißes Baumwollkleid an diesem Abend und Margeriten im Haar, sie aß Hering und neue Kartoffeln mit großem Appetit, bevor sie sich verabschiedete, um das Haus für einen Spaziergang zu verlassen.

Die Passanten im Stadtviertel waren ein wenig befremdet durch den Anblick der kleinen, alten Dame, die von Wiese zu Wiese ging und Blumen pflückte. 7 Blumen von 7 Wiesen, so war es Tradition bei den jungen, unverheirateten Schwedinnen, ein winziger Strauß nur, dennoch von großer Bedeutung. Edith summte ein Lied von kleinen Fröschen, immer und immer wieder, und nach Einbruch der Dämmerung tanzte sie mit Trollen und Elfen, die nur sie sah und niemand sonst. Erst kurz vor 23 Uhr kehrte sie zurück, wusch sich, zog ihr allerschönstes Kleid an, legte die Wiesenblumen unters Kopfkissen und schlief sogleich tief und fest ein.

Jonas, der Fischer, hilft ihr auf den Kutter. Überall hat er rote Rosen verteilt, um den üblen Geruch zu überdecken. Nun steht er vor ihr, in seinem besten Anzug, küsst sie, ergreift ihre Hand und lächelt sie an.
„Möchtest du meine Frau werden, Edith?“
„Ja. Ja, Jonas, ich möchte sehr gerne deine Frau werden.“
„Wirst du auch bis zum Frühjahr auf mich warten, wenn ich aus dem Skagerrak zurück bin?“
„Ich würde mein ganzes Leben lang auf dich warten, mein Herz.“

Ediths Platz im Speisesaal blieb leer am nächsten Morgen. Noch nie hatte sie so glücklich ausgesehen wie in dem Moment, als man sie fand, leblos, in ihrem Bett, in ihrem Kleid, mit dem schmalen goldenen Verlobungsring an der feinen Kette um den faltigen Hals. In den Händen hielt sie ein vergilbtes Foto von einem jungen Fischer und eine alte, zerknitterte Todesanzeige. Jonas Lundström, verstorben am 6. November 1940 im Skagerrak.

Der Duft von Rosen erfüllte den ganzen Raum.

 

(c) 2015 @ Heidi Hensges

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