Die wilde Mathilde

Eine Kurzgeschichte von Heidi Hensges

Mit einem lauten „Autsch!“ zog Anke ihre Hand aus den Brennnesseln. „Ey, was glotzt du so? Willste aufs Maul?“, rief sie Mathilde zu, die auf der anderen Straßenseite über den Zaun guckte.

„Blöde Kuh“, grummelte Anke weiter, während sie den juckenden Arm in die Regentonne steckte. Was nichts half, denn seit 14 Tagen hatte ja nur die Sonne geschienen. Mathilde machte ihrer Erheiterung darüber mit einem aus tiefster Brust dröhnenden Gebrüll Luft. Wütend über ihre eigene Blödheit schleuderte Anke der Nachbarin ein trotziges „Schnauze!“ entgegen und stapfte ins Haus. Der Arm war inzwischen zu einer einzigen, überdimensionalen Quaddel mutiert.

„Scheißlandleben!“ Treffender hätte sie ihre Stimmung kaum ausdrücken können. Juckreizstillende Salbe und Eiswürfel waren nicht auffindbar, dafür aber eine tote Maus. „Alles blöd hier!“

Der Mist war umso ärgerlicher, weil sie Brennnesseln doch kannte. Das war aber auch neben Klee, Löwenzahn und Gänseblümchen schon so ziemlich alles, was sie an Gartengrünzeugwissen vorzuweisen hatte. Und Hanf. Hanf kannte Anke aus Berlin, von wo aus sie vor einem Jahr in dieses „armselige Scheißkuhdorf“ gezogen war.

„Ich zieh‘ nach Horst!*“, hatte sie damals Freundin Sandra auf der Terrasse der „Dicken Wirtin“ eröffnet.

„Wer bitte ist jetzt Horst? Und wieso sprichst du so assig, es heißt immer noch zu Horst und nicht nach Horst.“

Nach Horst! Ins Haus von Tante Ilse, die ist doch neulich nach Australien ausgewandert. Hörst du mir überhaupt mal zu, wenn ich dir was erzähle?“, maulte Anke und kramte ihr Portemonnaie aus dem Jutebeutel.

„Ach, nach Holland? Zum legalen Kiffen, wa? Oder was macht man da sonst noch so?“ Sandra zog an ihrer E-Zigarette und paffte gelangweilt Wölkchen in die Berliner Luft.

„Weißte was? Nächste Woche bin ich weg, und das ist auch gut so. Du zahlst, habe ich gerade beschlossen.“ Anke war schneller um die nächste Ecke verschwunden, als ihr Sandra durch den Vanilledampf hinterhergucken konnte.

 

Irgendwas mit Hühnern, Schafen, Wolle oder Gemüse sollte es werden in Horst. So Öko-Bio-Kram halt. Hochmotiviert, aber ahnungslos, schloss Anke acht Tage später die knarzende Holztür auf, ging ohne Umwege direkt in den Garten und sah Joe. Ein rasenmähender Mann wie für sie geschnitzt. Jung, blond, blauäugig, muskulös, knackig, freier Oberkörper, und als er sich umdrehte, spritzten kleine Männerschweißtröpfchen herum. Wie so ein Kandidat aus der US-Version von „Bauer sucht Frau“. Eigentlich hieß er ja Jochen, aber so nannte ihn kein Schwein. Joe passte viel besser. Joe klang nach Abenteuer, Lagerfeuer, Sex unter freiem Himmel und Reiten ohne Sattel. Um es kurz zu machen: Anke und Joe bewegten sich beschwingt und wie in Zeitlupe aufeinander zu, küssten sich, liebten sich im Heu, wollten einen Öko-Bio-Hof gründen, viele kleine glückliche Landkinder zeugen und schworen sich ewige Treue ohne Trauschein.

Bis Mathilde kam. Quasi über Nacht zog sie bei Joe ein. Mathilde hatte pervers üppige Rundungen, unnatürlich lange Wimpern und kam von irgendwo aus Ostdeutschland. Joe faselte was von platonischer Liebe und Seelenverwandtschaft auf den ersten Blick, dass Mathilde eh lieber draußen schlief und absolut rein gar nichts an seiner „never ending Love“ zu Anke ändern würde.

Anke sah das anders. Sie wusste Bescheid. Sie wusste, wie Männer ticken. Der Kumpel eines Kumpels ihres Ex aus Berlin war schließlich Pornofilmproduzent, und was der alles so drehte und verkaufte, dagegen war Joes Beziehung zu Mathilde nur ein trockener Furz. Täglich musste sie nun durch ein winziges Loch in der Holzwand ihres Geräteschuppens mit ansehen, wie Joe Mathildes Beine streichelte, ihre Hüften massierte und ihre überdimensionalen Nippel befummelte, an die Anke am liebsten bei nächster Gelegenheit ein paar Glöckchen oder Hupen getackert hätte.

Aber das, was an einem heißen Nachmittag im Juli passierte, schlug dem Fass nun endgültig den Boden aus. Gemeinsam mit einem rotgesichtigen, schwitzenden und schwer atmenden, dicken Mann verschwand Joe mit Mathilde hinterm Haus. Es dauerte fast eine ganze Stunde, während der nichts außer animalischem Gestöhne zu hören war, bis die Männer wieder auftauchten. Beiden hingen die Karohemden aus der Hose und klebten die Haare im Gesicht. Am nächsten Tag stellte Anke Joe zur Rede. Angeblich sei das ein weltbekannter Spezialist aus Holland gewesen, Mathilde hätte irgendwas furchtbar Kompliziertes an den Zähnen und sich hartnäckig geweigert, eine Praxis zu betreten. Pah! Was auch immer die da hinten tatsächlich getrieben hatten: Anke hatte die Nase voll. Gestrichen. Mit einer Drecksschlampe wie Mathilde wollte sie keinen noch so göttergleichen Mann des Universums teilen. Die never ending Love konnte ihr komplett gestohlen bleiben. So schnell wie möglich wollte sie wieder zurück nach Berlin. Aber vorher hatte sie noch eine Rechnung offen. Mit Mathilde.

Joe war nicht zu Hause. Die Gelegenheit war perfekt, Anke marschierte rüber.

„Ey, Mathilde, kiek mal, was ick hier habe!“ Sie zog etwas aus der Jackentasche, packte es aus und hielt es hoch. „Eene Stulle mit Kalbsleberwurst! Genau so und nicht anders werden deine Kinder ooch mal enden!“ Genussvoll nahm sie einen großen Bissen.

Mathilde schnaubte, nahm Anlauf und gab Gas. Damit hatte Anke nun nicht gerechnet. Panisch und mit vollem Mund rannte sie rückwärts los, stolperte über einen Maulwurfshügel und schlug der Länge nach hin. Kurz bevor Mathilde ihren Angriff in letzter Sekunde stoppen konnte, hörte sie Anke erst husten, dann röcheln und dann gar nicht mehr.

Mathilde muhte zufrieden, drehte sich um und graste weiter.


 

 * Horst im genannten Sinne: zum Wikipedia Artikel

(c) 2015 @ Heidi Hensges

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